Grüne Linke über den Begriff Sozialraum

Foto: Freeimages.com/Antonio_Jimenez_Alonso

Kulturelle Teilhabe und Probleme der Gentrifizierung in Sozialräumen

Vortrag von Andreas Kroll bei der Klausur des Kreisverbands Hagen von Bündnis 90/ DIE GRÜNEN am 26.08.2017

Das Recht am kulturellen Leben teilzunehmen sollte als Menschenrecht anerkannt werden. Diejenigen, denen dieses Recht vorenthalten wird, verlieren auch die Möglichkeit, ihre anderen Rechte mit Verantwortung auszuüben, auch durch mangelndes Bewusstsein vom Reichtum ihrer Identität. Darüber hinaus tragen der Zugang zu den Künsten und die freie künstlerische und kulturelle Ausdrucksfähigkeit zur Entwicklung des kritischen Denkens bei. Dies führt zu mehr gegenseitigem Verständnis und Respekt, zur Verstärkung des demokratischen Bürgersinns und des sozialen Zusammenhalts, global betrachtet führt es zu einem „harmonischen interkulturellen Austausch“.

Eine breitere … ja sogar bessere Teilnahme am kulturellen Leben sollte ein wichtiges Anliegen von nationalen, regionalen und städtischen Kulturpolitiker_Innen (also auch in Hagen sein). Kulturelle Teilhabe ist mehr denn je mit einem aktiveren Lebensstil verbunden; diejenigen, die von der Teilnahme an kulturellen Aktivitäten ausgeschlossen werden haben demnach auch nur ein geringeres Maß an sozialem Zusammenhalt (Morrone, De Mauro: 2008).

 

Den Begriff des Sozialraums möchte ich kurz erklären, zumal gerade in Hagen dieses oft durch Unkenntnis mit der Begrifflichkeit Stadtteil und Stadtbezirken verwechselt wird.

Der Begriff Sozialraum bzw. die Sozialraumorientierung hat ihren Ursprung sowohl in der Stadtsoziologie als auch in der Pädagogik und ermöglicht es in der Analyse, die räumliche Umgebung in Verbindung mit dem sozialen Handeln zu bringen. So ist mit dem „Sozialraum“ nicht nur ein sozialgeografisch begrenzter Raum, wie z. B. ein Stadtteil oder eine Region gemeint. Spricht man vom Sozialraum, so bezieht sich das auf einen sozial konstruierten Raum: einen Lebensraum und sozialen Mikrokosmos, in dem sich gesellschaftliche Prozesse manifestieren (z.B. Kindergarten, Grundschule, Jugendzentrum, Erwachsenenbildung, VHS, Theater, Kino, Musikschule, Altentreff, Mehrgenerationenwohnen, Kulturvereine, Glaubenshäuser, Sportvereine).

Das Konzept des Sozialraums wird in unterschiedlichen Feldern angewendet, wie zum Beispiel in der Planung und Stadtentwicklung. Die Gemeinwesenarbeit ist ein partizipativer und prozessorientierter Ansatz der Sozialen Arbeit, der darauf ausgerichtet ist, die Lebenssituation der Menschen in einem sozialen Raum in materieller und immaterieller Hinsicht zu verbessern. Dazu gehört ganz besonders die Kulturelle Teilhabe, die sich stark am Konzept des Sozialraumes orientiert. Einen großen Stellenwert hat die Sozialraumorientierung und Sozialraumanalyse seit etwa 20 Jahren in der Kinder- und Jugendarbeit.

Es gibt bislang keine allgemein gültige Definition und ebenso kein determiniertes Methodensetting. (Je nach Fachdisziplin erfolgt die Anwendung einer Sozialraumanalyse nach unterschiedlichen Kriterien und Zielen sowie unter Anwendung divergierender Methoden).

Um eine zunehmende Gentrifizierung zu verhindern, sollte dieser Umstand in den Hagener-Sozialräumen berücksichtigt werden. Mein Vorschlag wäre es, wenn wir als Grüne dafür plädieren würden – etwa so, wie es schon vielen Städten der Metropole Ruhr umgesetzt wird – dreimal im Jahr stattfindende Sozialraumkonferenzen abzuhalten.

Der Begriff Gentrifizierung wurde in den 1960er Jahren von der britischen Soziologin Ruth Glass geprägt, die Veränderungen im Londoner Stadtteil Islington untersuchte. Abgeleitet vom englischen Ausdruck „gentry“ (= niederer Adel) wird er seither zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in Stadtvierteln verwendet und beschreibt den Wechsel von einer status niedrigeren zu einer status höheren (finanzkräftigeren) Bewohnerschaft, der oft mit einer baulichen Aufwertung, Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einhergeht.

Ausgangssituation bei solchen Prozessen ist häufig zunächst Leerstand. In solche leerstehenden Gebäude ziehen „Kreative“, die sie als Ateliers und für preiswertes Wohnen nutzen. Dies wiederum verändert das Image zuvor unattraktiver Quartiere, die sich nun in „Szenequartiere“ wandeln und damit öffentliche Aufmerksamkeit – und Begehrlichkeiten – auf sich ziehen.

Im Zusammenhang mit dem Aufwertungsprozess erfolgt oft die Verdrängung sowohl der alteingesessenen, gering verdienenden Bevölkerung, als auch von langansässigen Geschäften, die dem Zuzug der neuen kaufkräftigeren Bevölkerung und deren entsprechend veränderten Nachfrage weichen müssen. In der Regel sind es innerstädtische Viertel, wie z.B. Wehringhausen, die von Gentrifizierung betroffen sind.

Wie schnell Gentrifizierungsprozesse voranschreiten, hängt dabei stark von intervenierenden Faktoren, wie etwa den jeweiligen Mietgesetzen ab.

Neben der Tatsache, dass Gentrifizierungsprozesse selten konfliktfrei verlaufen, ist auch die Belastung öffentlicher Haushalte von Bedeutung. Geht Gentrifizierung mit einer Verdrängung einkommensschwacher Haushalte einher, steigen meist auch die Ausgaben der öffentlichen Hand für die Absicherung des Wohnens derjenigen Bevölkerungsschichten, die sich ihre alten Wohnungen aufgrund von Mietpreissteigerungen nicht mehr leisten können.

Zum Schluss möchte ich die beiden Begriffe Kulturelle Teilhabe und Sozialraum miteinander verbinden. Da die kulturelle Teilhabe sowohl aktives wie auch passives Verhalten abdeckt, werden Menschen, die in einem Sozialraum leben und z.B. Konzerte besuchen, sowie jene, die gleichzeitig auch noch Musik in diesem Sozialraum praktizieren, aktiv im gesellschaftlichen Leben vor Ort eingebunden.

Allen Menschen, die in einem wie auch immer gearteten Sozialraum leben, sollte ein ungehinderter, bedingungsloser Zugang zu allen kulturellen Aktivitäten ermöglicht werden. Die Menschen, die in einem Sozialraum leben, müssen je nach Einkommensstand die Möglichkeit haben, ggf. auch kostenlos an den kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen.

(Kulturelle Praktiken können nach drei Kategorien definiert werden (2006 Morrone):

  1. Zu Hause (culture d’appartement) bezieht sich auf die Zeit, die mit Fernsehen, Radio hören, hören und sehen von Tonaufnahmen und Bildern, Lesen und bei der Nutzung eines Computers oder dem Internet verbracht wird.
  2. Auswärts (culture de sortie) umfasst Besuche von kulturellen Einrichtungen wie Kino, Theater, Konzerte, Museen, Denkmäler und historische Stätten.
  3. Identitätsbildung (culture Identitaire) deckt kulturelle Amateur-Praktiken ab, darunter die Mitgliedschaft in kulturellen Vereinigungen, Angebote der populären Kultur oder der ethnischen Kultur, andere Gemeinschaftspraktiken und die Jugendkultur.)

 

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld